feuertiger20

Friday, January 13, 2006

2. essay Boas

Frage 3) Boas und Nachfolger

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

Franz Boas wurde 1858 in Minden (Westfalen) in Deutschland geboren. Er gilt als Gründungsvater der Modern Cultural Anthroplogy in Nord-Amerika, welche auf seinem „four field approach“ basiert.
Aufgrund seiner zahlreichen Feldforschungen und seiner dadurch gewonnenen Erkenntnisse, nimmt Boas als Vertreter des Kulturrelativismus eine Haltung gegen evolutionistische Theorien (z.B. von Morgan und Taylor) ein.
Viele seiner Schüler entwickelten seine Theorien weiter und prägten das anthropologische Verständnis nachhaltig.

Franz Boas studierte Mathematik, Physik und Geografie an der Universität Heidelberg und an der Universität Bonn. Seine Dissertation über “die Farbe des Meerwassers“ führte ihn auf seine erste große Expedition auf Baffin Island bei den Inuits in Canada. Bereits damals zeigte er großes Interesse an den kulturellen Gemeinsamkeiten der Menschen.
Für ihn war es an großer Bedeutung kulturelle und soziale Phänomene aus sich selbst heraus zu erklären (entspricht der emischen Sichtweise). Deshalb stellte er die These auf, dass zuerst die lokalen Details untersucht werden müssten, bevor man sich Allgemeinem widme.
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1885 ging Boas nach Berlin, um im Museum für Völkerkunde mit Adolf Bastian zu arbeiten.
Im darauf folgenden Jahr begann er seine zweite Feldforschung. Dieses Mal an der Nordwestküste von Nordamerika (Vancouver, Seattle) bei den Indigenen, genannt Kwakuitl.

Die Kwakuitl sind eine Jäger- und Sammlergesellschaft, sind aber trotzdem sesshaft, was sich als paradox für eine evolutionistische Haltung erweist. Denn “der Evolutionismus beschreibt Wildbeutergesellschafen (Jäger und Sammler) immer als unterste Entwicklungsstufe mit einem harten Leben, ohne Luxus, wo nur der tägliche Kampf ums Überleben herrscht“ [1]
Boas hingegen findet bei den Kwakiutl üppige Holzhäuser, Bootswesen, Töpferei und Holzschnittkunst und sogar eine starke gesellschaftliche Hierarchie mit Ansätzen von Sklaverei vor. Aufgrund der dortigen herrschenden vielfältigen und reichhaltigen Umweltressourcen können die Kwakiutl sesshaft sein ohne jedoch Ackerbau betreiben zu müssen. Des weiterem veranstalten sie auch ein riesige Fest “Potlach“, wobei diejenigen, die viel haben viel an diejenigen geben, die weniger haben. Dabei werden der Gemeinschaftssinn und der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe gestärkt.
Anhand all dieser Einsichten grenzte sich Boas stark vom Evolutionismus ab und kritisierte ihn mit Hilfe des Holismus, einer Theorie, die eine fremde Kultur als Ganzes auffasst, die weder mit anderen Kulturen verglichen, noch bewertet werden kann und in die nicht eingegriffen werden darf.
“Reacting against the grand evolutionary schemes of Tylor, Morgan and others, Boas took an early stance in favour of a more particularist approach. He argued that each culture had to be understood on its own terms and that it would be scientifically misleading to judge and rank other cultures according to a Western, ethnocentric typology gauging “levels of development””. [2]

Daraus folgt, dass es keine höhere oder wertvollere Kultur gibt und dass Kulturen einander ebenbürtig sind. Somit ist Boas Vertreter des Kulturrelativismus, der
besagt: “Jede Kultur ist relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen.“ [3]
Weiters sagt Boas: “Kultur ist wie Sprache“ - man muss sie erst erlernen, bevor man sie verstehen kann bzw. man versteht Kultur nicht, wenn man nicht dazugehört.

Nachdem Boas in die USA emigrierte und nach Beendigung seiner Forschungen bei den Kwakiutl gründete er den „Four-Field-Approach“, Schwerpunkt der heutigen amerikanischen Anthropologie, der die linguistische, archäologische, physiologische und die Sozial- und Kulturanthropologie beinhaltet.
Die von Boas neu gegründeten Disziplin setzte also zum einem den „Four Field Approach“ und zum anderem den Gedanken “Kultur ist wie Sprache“ voraus.
Boas lehrte an der Columbia Universität. Viele seiner Theorien inspirierten seine Schüler nachhaltig und wurden von ihnen weiterentwickelt.
Besonders von Bedeutung sind zwei Schülergenerationen. Die Erste mit Alfred L. Kroeber und Robert Loewie und die Zweite mit Margaret Mead, Ruth Benedict und Edward Sapir.
Kroeber vertritt einen starken Kulturrelativismus mit seinem Konzept von “key symbols“, welche eine Kultur verständlich machen. Wegen des sehr starken Fokus auf kulturelle Besonderheiten sollten seine Werke eher kritisch gelesen werden. Loewie hingegen vertritt das Beste des Boas’schen Erbe. Er besteht auf einen schwächeren/weicheren Kulturrelativismus durch Miteinbeziehung historischer Prozesse in seinen Forschungen (“history of ethnological theory).

Sapir und sein Schüler Benjamin Lee Whorf entwickelten eine gemeinsame Theorie bekannt als “die linguistische Relativitätstheorie“. Ihr zu Folge ist Sprache ein Ausdrucksmittel für Kultur.
“The so called Sapir=Whorf hypothesis, which posits that language determines cognition, and that the world’s languages differ enormously… implies that for example, Hopi Indians see and perceive the world in a fundamentally different way from Westerners, due to differences in the structure of their respective language.“ [4]
Kritik an dieser Hypothese ist die Überbetonung auf Sprache. Sapir und Whorf lassen vollkommen außer Acht, dass bei Kindern, schon bevor sie sprechen können, ein Konzept vorsprachlicher Programmierung im Kopf herrscht.

Ruth Benedict und Margaret Mead schrieben sehr populärwissenschaftlich.
Besonders Mead wird für die Übersteigerung des Kulturrelativismus in ihren Werken “The Chrysanthemum and the Sword“ und “Patterns of Culture“ kritisiert. Bei Ersterem handelt es sich um eine Nationalcharakterstudie, die ihr die amerikanische Regierung für OWI (office for war information) zur Zeit des zweiten Weltkrieges aufgetragen hatte, um die Japaner besser zu verstehen und sie dadurch auch besser bekämpfen zu können. Während des zweiten Weltkrieges gründete Benedict mit anderen Wissenschaftlern die “Culture and Personality School“, dessen Absicht es war soviel als möglich über die Kulturen der Kriegsgegner zu erfahren.
Bei “Patterns of Culture“ stellt Benedict die These auf, dass es verschieden kulturelle Elemente gibt, die jede Kultur für sich selbst auswählt und anschließend kombiniert (sogenannnte “Patterns“).

Mead wird für ihre ungenauen Literaturverweise und ihre ethnografische Richtigkeit in ihrem Werk “Coming of Age in Samoa“ kritisiert. Dennoch inspirierte ihre Studie viele Amerikaner sich mit ihrer eigenen Kultur auseinander zu setzen und sie in Frage zu stellen.

Zusammenfassend gesehen kann eine Überhebung des Kulturrelativismus (starker Kulturrelativismus) in eine Exotisierung ausarten, wo anstatt der Ähnlichkeiten menschlicher Gesellschaften, ihre Unterschiede betont werden und dadurch ein Gefühl von Superiorität und Nationalbewusstsein verstärkt wird.
Dennoch ist dem Kulturrelativismus die Abwendung vom Ethnozentrismus und die Absicht eine Kultur von sich heraus zu verstehen gut zu schreiben. In der heutigen Anthropologie findet man sicher eine abgeschwächte Form des Kulturrelativismus vor.

Quellenangabe:
[1]
http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas (10.1.2006)
[2] + [4] vgl. Eriksen Second Edition 2001 “Small Places, Large Issues” p.14
[3]
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/franz_boas.html (10.1.2006)

Friday, November 25, 2005

1.essay-Durkheim

4.) Durkheim
Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts?
Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?


Emile Durkheim wurde 1858 in Epinal (Elsass-Lothringen) geboren. Er stammte aus jüdischem Hause (sein Vater war Rabbiner). In seinen späteren Lebensjahren kehrte er aber der Religion den Rücken zu und bekannte sich als Agnostiker.
Nach seinem Philosophie Studium und nach seinem sechsmonatigem Studiumsaufenthalt in Deutschland, wo er Pädagogik und Soziologie studierte, unterrichtete er an mehreren Schulen Frankreichs (u.a an der Universität von Bordeaux, Paris und Sorbonne).

Durch die Herausgabe der Zeitschrift “Année sociologique“, welche zur Förderung interdisziplinärer wissenschaftliche Diskussionen beitrug, gewann Durkheim an Bedeutung.
Er gilt als Begründer der modernen französischen Soziologie und Anthropologie.

Doch welche grundlegenden neuen Ideen machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen Theorienbildung des 20. Jahrhunderts?
Um diese Frage beantworten zu können, möchte ich vorerst auf Durkheims wichtige Werke und deren Spezifika eingehen.

In seiner Dissertation “Von der sozialen Teilung der Arbeit“ behandelt er die Frage wie soziale Ordnung hergestellt wird oder anders gesagt wie wird eine Masse an Individuen zu einer Gesellschaft. Die Antwort darauf, so meint Durkheim, beruht auf der “Arbeitsteilung“, auf die er in seinem Buch “Elementare Formen eines religiösen Lebens“ näher eingeht. Er spricht von der “organischen“ und “mechanischen Solidarität“ und fragt sich:
“Was ist es, das eine Gesellschaft zum inneren Zusammenhalt bewegt; was prägt die moderne Industriegesellschaft
und was unterscheidet sie von anderen Gesellschaften bzw. wie sieht es in Gesellschaften aus, wo die Arbeitsteilung nicht so stark geprägt ist?“
Durkheim meint, dass es in industrialisierten Gesellschaften einen hohen Grad an Arbeitsteilung gibt, wodurch die Menschen aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind. Keiner kann ohne den anderen existieren. Das bezeichnet er als organische Solidarität.
Durkheim bezeichnet "die Solidarität, die sich der Arbeitsteilung verdankt", als organische Solidarität, und zwar deshalb, weil sie in Analogie zum Zusammenwirken von Organen zu sehen ist, das "man bei den höheren Tieren beobachten kann. Jedes Organ hat dort seine eigene Physiognomie und seine Autonomie, und trotzdem ist die Einheit des Organismus um so größer, je stärker die Individualisierung der Teile ausgeprägt ist." [1]
Hingegen ist in den weniger industrialisierten Gesellschaften der Zusammenhalt durch die Religion bestimmt. Durch die Glaubenskraft der Menschen entsteht Religion. Diese ergibt sich daher nicht von selbst (sie ist nicht „organisch“) und somit bezeichnet Durkheim diese Form von Zugehörigkeitsgefühl als mechanische Solidarität.
Nun stellt sich aber die Frage, warum Religionen trotzdem noch in industrialisierten Gesellschaften vorzufinden sind, obwohl ihnen Durkheim zuschreibt, dass sie dort überflüssig seien und keine Bedeutung mehr hätten. Religion ist vielleicht doch nicht nur mit funktionalistischen Ansätzen erklärbar. Weiters bin ich mir nicht klar darüber, ob Religion tatsächlich mechanische Solidarität bestimmt, denn eine andere Erklärung der mechanischen Solidarität ergibt sich anhand des Beispiels von einer Gruppe an Existenzbauern. Diese Bauern sind autark, sie haben die gleiche Arbeit, eine gemeinsame Geschichte und Identität. Jeder macht das Gleiche und ist dem anderen ähnlich. Diese Faktoren tragen zu einem Gemeinsinn bei, welcher schließlich durch soziale Normen und Werte für den Zusammenhalt der Gruppe reguliert wird.
Durkheim glaubt, dass Religion etwas ist das Menschen entwickeln und ausarbeiten, um ihre nicht alltäglichen Erfahrungen zu erklären. Zudem versucht er zu beweisen, dass es in jeder Gesellschaft eine Spannung zwischen Profanem und Sakralem gibt:

„Charakteristisch für das religiöse Phänomen ist aber, dass es immer eine zweiseitige Teilung des bekannten und erkennbaren Universums in zwei Arten voraussetzt, die alles Existierende umfasst, die sich aber gegenseitig radikal ausschließen. Heilige Dinge sind, was die Verbote schützen und isolieren. Profane Dinge sind, worauf sich diese Verbote beziehen und die von den heiligen Dingen Abstand halten müssen.“ [2]

In seiner Studie “der Selbstmord“ vergleicht Durkheim die Einstellung gegenüber Selbstmord von europäischen Gesellschaften mit den Einstellungen die in den Gesellschaften Ozeaniens vorhanden sind. Er kommt zu dem Schluss, dass es grundlegende Unterschiede zwischen Gesellschaften gibt und dass wir daraus lernen sollten.

“Durkheim not only noticed that suicide rates fluctuated markedly among different European and religious traditions, he determined that the act could be classified in different ways: as “altruistic” because of an excess of social feeling, “egotistical” because of a lack of social feeling, “anomic” when society failed to support the individual amid rapidly occuring crisis.” [3]

Als Durkheims wichtigster Nachfolger gilt Marcel Mauss, der zugleich sein Neffe war. Er greift die Idee der mechanischen Solidarität wieder auf und entwickelt diese in seinem berühmten essay über “Die Gabe“ weiter. Mauss kommt zu dem Schluss, dass nicht nur die Religion den inneren Zusammenhalt einer Gesellschaft herstellt, sondern dabei auch das Schenken eine essentielle Rolle spielt. Weiters legte Mauss großen Wert darauf sich mit ganzheitlichen Aspekten des Menschen zu befassen. Er verstand es, nicht nur die sozialen und geistigen Aspekte zu berücksichtigen, sondern auch die Körperlichen. Er konstruierte sozusagen das Grundgerüst für diesen ganzheitlichen Ansatz, der die weitere Entstehungsgeschichte der heutigen Anthropologie sehr prägte (z.B: die heutigen Forschungsgebiete Gender-Studies und Embodiment).

Abschließend möchte ich noch unterstreichen, dass es Durkheims Ambition war, seine Forschungen nicht nur auf Einzelgesellschaften auszurichten, wie es zu seiner Zeit etwa Franz Boas mit seiner Theorie des Kulturrelativismus und die Anhänger der darwinistischen Evolutionstheorie (Lewis Henry Morgan, Sir Edward Burnett Tylor und James Frazer) taten.
Durkheim suchte einen Mittelweg zwischen diesen zwei Theorien, basierend auf dem Verbindenden zwischen verschiedenen Gesellschaften. Dieses Verbindende beruht auf Strukturen und Funktionen und kann somit Gemeinsamkeiten zwischen industrialisierten Gesellschaften und anderen ausfindig machen.

Durkheim und auch Mauss legten somit die Grundsteine für die später aufkommende Richtung des Funktionalismus unter Radcliffe-Brown und des Strukturfunktionalismus unter Claude Lévi-Strauss.


Quellen:
Ethnologie Einführung und Überblick B.S 208
Small Places, Large Issues p. 210; 211
One discipline four ways p.173, 176, 177, 178, 180
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89mile_Durkheim http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/durkheim/12bio.htm


[1]
http://www.guenter-schulte.de/materialien/philoreligion/philoreligion_13.html

[2]
http://sowi.iwp.uni-linz.ac.at/dialog/DT/WissenschaftAT/Arbeitsteilung/ArbTeilungV2_fn.html
[3] vgl. Parkin One discipline p.179

Sunday, October 30, 2005

Hallo